Der Kollege nervt – was kann ich tun?

Daniel, Karo, Mia, Mitch und Steffen unterhielten sich


Der Kollege nervt. Das ist zunächst ein Fakt in der ganz persönlichen Wahrnehmung. Und das darf so sein. Es sind ganz eigene Empfindungen und die sind erst einmal für jeden selbst so richtig. Warum sagen wir das?


Finden wir es nicht alle schön, wenn wir ernst genommen werden? Wenn unsere Empfindungen zunächst einmal einfach nur hingenommen werden?


Dieser Fakt in der eigenen Wahrnehmung, darf aber beleuchtet werden. Warum? Weil wir denken, dass es nicht sehr hilfreich ist, gleich davon auszugehen, dass dies ein unabänderlicher Fakt ist oder zum Persönlichkeitsbild des jeweiligen Kollegen gehört.


Deine Check-in-Frage: Was bedeutet „nerven“ für Dich?


Bleib bei dir!


Wir haben uns also gefragt: Nervt der Kollege immer? Nervt der Kollege, wenn er bestimmte Dinge tut oder nicht tut? Nervt der Kollege, egal, wie ich selbst drauf bin? Oder nervt er, weil er etwas ganz Bestimmtes in mir auslöst? Daher haben wir für uns mal festgehalten: Klarheit kann helfen. Klarheit über die jeweiligen Situationen. Klarheit über die eigenen Empfindungen. Wir stellen mal folgende Fragen in den Raum: Worin besteht die Spannung? Warum genau nervt der Kollege?


Wir sind uns aber auch einig, dass der gute Weg nicht damit gepflastert ist, dass die Sicht nur nach innen und auf das eigene Selbst gerichtet ist. Aber es ist möglicherweise ein erster hilfreicher Schritt.


Hilft die Schublade manchmal doch?


Wir haben uns auch gefragt, wie sehr der Kollege wohl nervt? Vielleicht ist die gute alte Schublade manchmal doch nicht so verkehrt und wir können das Problem angehen, indem wir das Nerven für uns einordnen?


Wir haben also folgende Fragen und Nerv-Kategorien notiert: Welche Art von Nerven ist es? Können wir das Nerven genau benennen?


Der Kollege sagt nie „Guten Morgen“. Die Kollegin stapelt dir immer mehr Arbeit auf den Tisch. Du hörst von dem Kollegen, mit dem du unmittelbar zusammenarbeitest, nie ein Wort der Anerkennung oder Wertschätzung. Der Kollege äußert sich dir gegenüber sehr unangemessen. Die Kollegin belästigt dich. Der Kollege erzählt Unwahrheiten über dich.


Als wir so sprechen, merken wir – es gibt auf jeden Fall unterschiedliche Schweregrade. Doch vielleicht begrenzen wir es mit dem Wort „nerven“ ein wenig auf die drei oder gern auch auf die vier ersten Beispiele. Denn in diesen Szenarien besteht unserer Meinung nach eine gute Chance auf Veränderung. Und es besteht vor allem neben der Möglichkeit, den Arbeitsplatz zu wechseln (denn auch das kann unter bestimmten Umständen ein möglicher Weg sein), auch noch eine viel bessere Lösungsmöglichkeit – und zwar die Kommunikation.


Von der Klarheit in die Kommunikation


Wir fragen uns also jetzt: Weiß der Kollege davon? Weiß der Kollege, dass er stört? Und obwohl wir finden, dass diese Frage immens wichtig ist, sind wir erst in zweiter Linie darauf gekommen. Denn offenbar haben wir alle erst einmal versucht, Klarheit über die Situation zu erlangen. Und herrscht etwas mehr Klarheit, kann es in die Kommunikation gehen.


Warum kommunizieren helfen kann …


a) Weil in dem Szenario „der Kollege nervt“ mindestens zwei Menschen stecken. Das bedeutet: es gibt zwei Wahrnehmungen. Und diese inneren Wahrnehmungen können durch Worte nach außen hin – für den jeweils anderen – sichtbar gemacht werden. Und das kann wiederum zu einem besseren gegenseitigen Verständnis führen.


b) Wir finden auch, dass es der Kollege verdient hat, zu wissen, womit er stört. Denn hier kommt eine ganz alte, aber so wesentliche Frage ins Spiel: Wie soll der andere etwas ändern, wenn er nicht weiß, worum es geht?


Perspektivwechsel: Stell Dir vor, Du störst jemanden unbewusst und daraufhin beginnt derjenige sich Dir gegenüber sehr abweisend zu verhalten? Würdest Du gern wissen wollen, warum er sich abweisend verhält? Würdest Du gern wissen wollen, womit Du denjenigen störst?


c) Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass es umgänglicher und zielführender ist, immer erst einmal davon auszugehen, dass auch unser Gegenüber an einem positiven Verlauf der Situation interessiert ist.


Karo: „Ich gehe erst einmal davon aus, dass der andere morgens nicht mit dem konkreten Vorsatz mich zu nerven oder zu ärgern aus dem Bett steigt.“

Blick auf die Gesellschaft: Wir denken, dass c) ein ganz wesentlicher Punkt in unserer heutigen Gesellschaft und somit auch in unserer Arbeitswelt ist. Überspitzt gesagt: Wir arbeiten alle als Einzelkämpfer. Wir haben gelernt, dass da kein Raum für Verletzlichkeit ist und haben so gelernt, uns nur auf uns zu beziehen und anderen zu misstrauen.


Veränderung durch Verletzlichkeit


Was wäre wenn, wir wieder vertrauen? Uns selbst und den anderen? Was wäre wenn, wir das immerwährende Misstrauen abschütteln und einmal mutig unsere Verletzlichkeit zeigen? Auch und gerade auf Arbeit?


Mia: „Veränderung durch Verletzlichkeit" – dieser Aspekt hat mich aufgerüttelt … abschreckend und kraftvoll zugleich.“

Haben wir alle in der Runde vielleicht kurz schwerer eingeatmet als sonst, als das Wort „Verletzlichkeit“ gefallen ist? Für jeden einzelnen von uns ist es ein Wagnis. Eine Hürde. Für den einen eine größere Hürde. Für den anderen eine kleinere. Doch was würde wohl passieren, wenn wir uns alle verletzlicher und ehrlicher zeigen würden? In Bezug auf die aktuelle Thematik könnte es bedeuten, dass wir dem Kollegen ganz offen sagen, warum uns das jeweilige Verhalten stört. Ihm mitteilen, was es in uns auslöst. Zu riskant? Zu viel des Guten? Zu privat? Zu unprofessionell? Zu weich? Was denkst Du?


Frage an Dich: Dein Kollege nervt. Was machst Du?


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Steffen sprach am 18. Mai 2022 mit Daniel Daniel, was ist progressive Führung? Progressivität bedeutet Fortschritt. Nach vorne gehen, also agieren und motivieren, nicht reagieren. Es ist eine Art und